Der Tod. Ich gehe gerade von der Straßenbahnhaltestelle nachhause. Ich höre das Hauptthema vom Film "Rquiem for a Dream" über den MP3Player von meinem Handy. Auf der Hälfte des Weges mache ich mir eine Zigarette an und rauche. Da sie bis zu meiner Wohnung noch nicht aufgeraucht ist, lehne ich mich an die Wand neben der Eingangstür. Das Lied ist nun schon längst vorbei, doch in meinem Kopf höre ich Melodie weiter. Es ist schön. Und traurig. „Soll ich mich jetzt umbringen? Aus dem Fenster springen, sobald ich in meinem Zimmer im vierten Stock angelangt bin? … Wer würde als erstes - und wann - davon erfahren? Wahrscheinlich würde mein Freund sauer sein, weil ich mich heute nicht mehr bei ihm gemeldet habe. Und auch morgen nicht. Und morgen wollten wir uns ja eigentlich treffen. Würde mein Bruder als erster davon erfahren? Am Sonntag, wenn er versucht mich zu erreichen und er sich dann Sorgen machen würde? Hm, ich sollte mein Handy an das Ladekabel anschließen, sodass der Akku währenddessen nicht leer wird. Gut möglich, dass, nachdem eine meiner Mitbewohnerinnen meinen Selbstmord bemerkt hat, mein Handy nach der Nummer von meinem Bruder und von meinem Freund durchsucht. Wen würde sie zuerst anrufen? …“
Die Zigarette ist zu Ende geraucht. Ich schnippe sie weg und hole meinen Schlüssel aus der Manteltasche. „Wenn niemand in der Wohnung ist, dann bringe ich mich jetzt um.“
Ich fange an, die vier Stockwerke zu erklimmen. „Zweites Stockwerk. Zweieinhalb.“ Mein Herz pocht in meiner Brust. Immer schneller, immer heftiger gegen meinen Brustkorb. „Dreieinhalb. Noch die letzten Stufen. Viertes Stockwerk“. Ich bin angelangt. Behutsam stecke ich den Schlüssel in das Türschloss meiner Wohnung und drehe langsam den Schlüssel nach links - „Ist jemand da...?!“ - klack, die Tür springt auf. Sie war nicht zugesperrt. Also ist jemand in der Wohnung.Ich atme auf. „Heute also doch nicht. Es ist jemand hier – das möchtest du deinen Mitbewohnerinnen nicht antun!“.
Heute war der erste Tag seit eineinhalb Wochen, dass ich (wieder) intensiv an Selbstmord gedacht habe. Welcome back to reality. Seit meinem Schauspiel-Workshop-Wochenende vor eineinhalb Wochen hatte ich nicht mehr ernsthaft über Selbstmord nachgedacht – bis heute. Das ist ein Fortschritt. Normalerweise denke ich täglich daran. Ist das normal? Ich weiß es nicht. Nun, ich muss damit leben, schätze ich.
Jeder muss mit seinen Mängeln leben.
Oder eben nicht.....
